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Die Dunkelheit ‚Äď ein bedrohtes Gut

14.08.2020, Claudia Kistler

K√ľrzlich waren wir in den Bergen. Wir genossen die sommerlichen Abende und sassen lange draussen. Am mondlosen Nachthimmel w√∂lbte sich das Sternenmeer und mit zunehmender Dunkelheit trat die Milchstrasse immer deutlicher hervor. Einfach grossartig! Zur√ľck in der Stadt erhellten wie immer tausende von Lichtquellen die Nacht, Sterne waren am Himmel kaum auszumachen. Das verhinderte begl√ľckende Erlebnis ist das eine. Dramatischer ist jedoch, dass sich diese Verschmutzung der Nacht mit k√ľnstlichem Licht einschneidend auf Flora, Fauna und die √Ėkosysteme auswirkt.

Der Blick in den sternen√ľbers√§ten Nachthimmel ist kein ¬ęnice to have¬Ľ. Die n√§chtliche Dunkelheit als nat√ľrliche Ressource wird immer rarer und die wachsende Lichtverschmutzung der Nacht ist mittlerweile ein globales √∂kologisches Problem. 80% der Weltbev√∂lkerung leben mit lichtverschmutztem Himmel!

 

 

Das n√§chtliche Kunstlicht kann ganze √Ėkosysteme beeintr√§chtigen.

© Fabio Bontadina / swild.ch

 

Die √∂kologischen Folgen umfassen ein breites Spektrum von Arten, Gemeinschaften und √Ėkosystemen sowohl an Land als auch im Wasser. Die Lichtverschmutzung ist somit eine potenzielle Bedrohung der biologischen Vielfalt. K√ľnstliches Nachtlicht kann in St√§dten 150 Lux erreichen, was 1000 Mal heller ist als eine klare Vollmondnacht. Zudem hat das Kunstlicht ein anderes Spektrum als nat√ľrliches Licht. Evolution√§r betrachtet, bedeutet die Lichtverschmutzung ein neuer Stressfaktor f√ľr viele Tier- und Pflanzenarten. Mittlerweile ist dieses √∂kologische Problem auch den Beh√∂rden bewusst. Die Stadt Z√ľrich beispielsweise hat den ‚ÄěPlan Lumi√®re‚Äú entwickelt, durch den das n√§chtliche Licht umweltvertr√§glich eingesetzt wird, und das Bundesamt f√ľr Umwelt hat bereits 2005 eine Brosch√ľre herausgeben mit Empfehlungen, wie man Lichtemissionen vermeiden kann.¬†

 

Vermeintliche Sicherheit

Dennoch wird Licht noch immer sehr unbedacht verwendet. √Ąrgerlich ist besonders, wenn es die ganze Umgebung beleuchtet, obwohl es nur den Hauseingang etwas erhellen soll. H√§ufig ist das Licht so grell, dass alles rundherum in Schwarz versinkt, was dem Sicherheitsgef√ľhl √ľberhaupt nicht dient. Da kehrt sich das Sicherheitsargument f√ľr die n√§chtliche Beleuchtung ironischerweise in sein Gegenteil.¬†

 

 

Die Umgebung versinkt in der Dunkelheit. © Fabio Bontadina / swild.ch

 

Lebenswichtiger Biorhythmus

Alle Organismen, d.h. Bakterien, Algen, Pilze, Pflanzen, Tiere und nat√ľrlich auch der Mensch haben sich im Laufe der Evolution an den Tag-Nacht-Wechsel angepasst. Diese ‚Äěinnere Uhr‚Äú wird haupts√§chlich durch das Licht des nat√ľrlichen Tag-Nacht-Wechsels auf den 24- Stundenrhythmus eingestellt. Die meisten Tiere und Pflanzen k√∂nnen ihre innere Uhr an die sich √§ndernden Tagesl√§ngen im Verlauf des Jahres anpassen. Dies hat eine Reihe √∂kologischer Vorteile. Beispielsweise k√∂nnen Tiere ihre Jungen bei g√ľnstigen Umweltbedingungen aufziehen oder Pflanzen bl√ľhen nicht im Winter.¬†

 

 

Diese extrem hellen Lampen leuchten die halbe Nacht, blenden unangenehm und strahlen stark in die Umgebung ab. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

 
Erholsamer Schlaf in der Dunkelheit

Das Schlafhormon Melatonin ist die Schl√ľsselkomponente in diesem zeitgebenden System. Es ist sozusagen ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen und hat Einfluss auf zahlreiche andere Hormone. Es ist bei Tieren und Pflanzen vorhanden und entwickelt seine zentrale Wirkung von der Zelle bis zu den Organen und dem Verhalten. Bei Tieren ist f√ľr die Produktion die Zirbeldr√ľse verantwortlich, eine erbsengrosse Dr√ľse im Zentrum des Gehirns. Bereits bei geringer Helligkeit kann die Produktion gest√∂rt werden, mit den entsprechenden Folgen. Denn Melatonin sch√ľtzt das Herz-Kreislaufsystem, stabilisiert den biologischen Rhythmus des K√∂rpers und erm√∂glicht den n√§chtlichen Zyklus von Ruhen und Reparatur.¬†

 

 

Helle Leuchten verhindern einen erholsamen Schlaf. © Fabio Bontadina / swild.ch

Neben den gesundheitlichen Auswirkungen haben n√§chtliche Beleuchtungen eine Reihe √∂kologischer Auswirkungen. Sie k√∂nnen den Lebensraum von Tieren zerschneiden, ihren Aktionsradius und damit den Nahrungserwerb einschr√§nken oder eine erfolgreiche Fortpflanzung verhindern. Auch das Risiko gefressen zu werden kann steigen, was umgekehrt f√ľr den Fressfeind nat√ľrlich ein Vorteil ist. Zwergflederm√§use (Pipistrellus pipistrellus) jagen gerne an beleuchteten Strassen, weil dort viele Insekten vom Licht angezogen werden. Andere Fledermausarten wie die stark bedrohte Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) hingegen meiden helle Gebiete.

 

Das Gl√ľhw√ľrmchen wartet vergebens

Das Insektensterben und die verheerende Rolle, die die in der Landwirtschaft eingesetzten Gifte spielen, sind aktuell in aller Mund. F√ľr viele nachaktive Insekten kommt zu diesem √úbel noch die Lichtverschmutzung dazu. Wer hat beim abendlichen Essen nicht schon die unz√§hligen Insekten beobachtet, die hilflos um die Lampe flattern. Anstatt Nahrung zu suchen, sich zu paaren oder Eier zu legen, verfliegen sie ihre Energievorr√§te an den Lampen bis zur Ersch√∂pfung.¬†

 

 

Der Gr√ľne Spanner geh√∂rt zu den Nachtfaltern. ¬© HEGMAR / wildenachbarn.ch

Gl√ľhw√ľrmchen mit ihrem zauberhaften Leuchten sind besondere Sympathietr√§ger. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringen sie als Larven, als erwachsene Tiere pflanzen sich nur noch fort. Beim Grossen Gl√ľhw√ľrmchen (Lampyris noctiluca) w√§hlen die Weibchen die Orte f√ľr die Paarung tags√ľber aus und locken nachts die M√§nnchen durch das charakteristische Leuchten an. Sitzen die Weibchen jedoch im Bereich einer leuchtenden Strassenlampe, sind sie kaum sichtbar f√ľr die M√§nnchen, die zudem helle Bereiche eher meiden. Da die Gl√ľhw√ľrmchen nach kurzer Zeit sterben, bleibt die Paarung und die Vermehrung aus. Eine fatale Sackgasse.

 

 

Das grosse Gl√ľhw√ľrmchen braucht dunkle Verh√§ltnisse, damit die leuchtenden Weibchen f√ľr die M√§nnchen sichtbar sind. ¬©Lisa Wirthner / stadtwildtiere.ch

Bei vielen Tierarten hat man negative Auswirkungen des Kunstlichts dokumentiert. Immer wieder finden Tausende von Vögeln nicht mehr aus sogenannten Lichtglocken (Skyglow oder Himmelsleuchten) heraus, die entstehen, wenn Kunstlicht an niedrig liegenden Wolken, Nebel oder Dunst reflektiert wird. Gefangen in dieser Lichtsphäre, verlieren sie wertvolle Energiereserven. Schliesslich sterben sie an Erschöpfung, kollidieren mit Strukturen oder gar mit anderen, vom Licht angezogenen Vögeln.

 

 

Himmelsleuchten oder Skyglow wird durch Licht erzeugt, das in der Atmosph√§re gestreut wird und ist √ľber weite Distanzen sichtbar. ¬©Stijlfoto / flickr.com

 
Die ganze Tierwelt ist betroffen

Negative Auswirkungen von n√§chtlichem Licht sind bei vielen Tierarten untersucht, auch bei Amphibien und Reptilien. Eine beleuchtete Strasse kann f√ľr sie schnell zur Barriere werden, die den Austausch zwischen Lebensr√§umen behindert. In einer aktuellen Studie hat man Flussbarsche (Perca fluviatilis) Kunstlicht ausgesetzt. Schon bei einer niedrigen Lichtintensit√§t von 0.01 bzw. 0.1 Lux war die Melatoninproduktion reduziert. Diese Lichtbedingungen herrschen, wenn sich in Siedlungsgebieten Lichtglocken bilden.¬†

 

 

Auch Fische wie der Egli bzw. Flussbarsch leiden unter der Lichtverschmutzung. © Daniel Hegglin /swild.ch

 

Die Ressource Dunkelheit braucht unseren Schutz

Die zunehmende Lichtverschmutzung stellt eine Bedrohung f√ľr die Gesundheit und die Biodiversit√§t dar. Die n√§chtliche Dunkelheit ist eine bedeutende nat√ľrliche Ressource. Wir m√ľssen sie sch√ľtzen und uns fragen, ob die n√§chtliche Beleuchtung wirklich immer n√∂tig ist. Im Val-de-Ruz im Neuenburger Jura wird nachts die Strassenbeleuchtung ausgeschaltet, der Naturpark Gantrisch soll zum Sternenpark werden. Das Bewusstsein w√§chst also. Ich habe mich bei der Gemeinde √ľber die starke Beleuchtung in der Nachbarschaft beschwert. Bisher ohne grossen Erfolg, aber ich bleibe dran. Die Lebewesen brauchen die Dunkelheit f√ľrs √úberleben, um sich zu erholen und zu regenerieren. Und wir Menschen den Sternenhimmel f√ľrs Gem√ľt und f√ľrs Philosophieren.

 
Quellen

Grubisic, M., et al., 2019. Light Pollution, Circadian Photoreception, and Melatonin in Vertebrates. Sustainability 11, 6400.

 

Ineichen, S., & R√ľttimann, B. (2011). Impact of artificial light on mating Commom Glowworms. Mitteilungen der Entomologischen Gesellschaft Basel.¬†

 

Kupprat, F., Holker, F., Kloas, W., 2020. Can skyglow reduce nocturnal melatonin concentrations in Eurasian perch? Environ Pollut 262, 114324.

 

Rich, C., Longcore, T. (2006): Ecological Consequences of Artificial Night Lighting. Island Press, Washington. 329 p. ISBN: 1-55963-129-5.

 

Weiterf√ľhrende Informationen

www.helldunkel.ch

Plan Lumi√®re der Stadt Z√ľrich

Brosch√ľre ¬ęEmpfehlungen zur Vermeidung von Lichtemissionen: Ausmass, Ursachen und Auswirkungen auf die Umwelt¬Ľ. Bundesamt f√ľr Umwelt BAFU 2005.¬†

Darksky Switzerland ist eine Non-Profit Organisation, die sich f√ľr die Reduktion der Lichtverschmutzung einsetzt.¬†
 

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