Gärtnern

Trockenmauern: Lebendige Bauwerke mit Tradition

01.05.2020, Valeria Renna

Trockenmauern sind nicht bloss eine Ansammlung von Steinen, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Im Gegenteil, sie stellen eine jahrhundertealte, traditionsreiche Bautechnik dar. Ausserdem sind sie wichtig f√ľr den Erhalt der Biodiversit√§t und nicht zuletzt haben sie einen √§sthetischen Wert. Leider werden Trockenmauern immer seltener angelegt und immer h√§ufiger durch Betonmauern oder Z√§une ersetzt. Haben Sie einen Garten? Dann helfen Sie mit, an dieser Situation etwas zu √§ndern!
 
Harmonie zwischen Handwerk, Kunst und Natur 

Eine Trockenmauer ist ein Mauerwerk, das ohne Zuhilfenahme von M√∂rtel oder Zement errichtet wird. Auf Weiden kann sie freistehend sein und als Abgrenzung, Wind- oder Sichtschutz dienen. Bei Terrassierungen eines Steilgel√§ndes dient sie als St√ľtzmauer. Fr√ľher hat man sie in vielen Gebieten angelegt, heutzutage trifft man sie vor allem in G√§rten an.¬†

Trockenmauern sind reizvolle Gestaltungselemente, die unsere Landschaften harmonisch beleben. Sie sind nicht nur dekorativ und faszinierend, sondern auch stabil und effizient. Aufgrund ihrer Wasserdurchl√§ssigkeit verhindern sie n√§mlich Erosion und erm√∂glichen die Speicherung von Wasser im Erdreich. Aus diesem Grund sind sie gut geeignet f√ľr Terrassierungen, beispielsweise von Weinbergen und Olivenhainen.¬†

Sie sind auch ein wertvolles Kulturgut, das seit Beginn der Baugeschichte belegt ist. Vor rund 2000 Jahren brachten die R√∂mer die Fertigkeit des Trockenmauerbaus zu uns nach Mitteleuropa. Noch heute sind Kraggew√∂lbebauten aus Trockenmauerwerk rundum das ganze Mittelmeer zu finden. Wenn sie gut gebaut sind, k√∂nnen sie hundert Jahre oder mehr √ľberdauern. Mit dem Alter einer Trockenmauer steigt auch deren √∂kologischer Wert: Je √§lter, desto mehr Arten ‚Äď oft auch gef√§hrdete ‚Äď sind in der Mauer zu finden. Deshalb verdienen Trockenmauern einen guten Schutz und Aufmerksamkeit. Am 28. November 2019 wurde der Trockenmauerbau in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Trotz dieser Anerkennung m√ľssen die Anstrengungen zur Bewahrung dieser Landschaftselemente weiter erh√∂ht werden.¬†

 

 

Trulli in Apulien (Beispiel von Kraggewölbebauten aus Trockenmauerwerk) © Valeria Renna

 
Ein Eldorado f√ľr Tiere und Pflanzen¬†

Trockenmauerwerke sind wichtige Biotope f√ľr zahlreiche Pflanzen und Tiere, weil sie wertvolle und diverse √∂kologische Nischen aufweisen. Sie bieten mit ihren offenen Fugen, Hohlr√§umen und Ritzen Schutz vor Wind und Regen und eine F√ľlle an Schlupfwinkeln, Verstecken, Jagdrevieren, Eiablage- und Nistpl√§tzen, Ruhe- und Winterquartieren. Aufgrund der optimalen W√§rmespeicherung in den Natursteinen werden Trockenmauern als W√§rmeinsel bezeichnet. Am Fuss der Mauer ist es zwar meist etwas feuchter, k√ľhler und schattiger, die oberen Bereichen aber sind trocken und warm. Daher werden Bewohner angezogen, die gut mit wenig Wasser, intensiver Sonnenbestrahlung und grossen Temperaturunterschiede zurechtkommen.¬†

 

Farne und Efeu siedeln sich gerne auf Trockenmauern an © Valeria Renna

 

Bis spezialisierte Pflanzen und Tiere eine Trockenmauer besiedeln, dauert es einige Jahre. Als Pflanzen finden wir in Trockenmauern diejenigen, die auf n√§hrstoffarmen B√∂den, mit wenig Pflanzensubstrat, grosser Trockenheit und hohen Temperaturen gut gedeihen. Zuerst siedeln sich Pionierpflanzen wie Flechten und Moose an. Es folgen Farne und schliesslich die Bl√ľtenpflanzen. Typische Arten sind Zimbelkraut, Mauerraute, Mauerpfeffer, Efeu und der gelbe Lerchensporn ‚Äď eine wichtige Nahrungspflanze f√ľr Schmetterlinge.¬†
Die Pflanzen bilden die Lebensgrundlage f√ľr viele Insekten und andere Tierarten. So locken Trockenmauern bald verschiedene Tiere an: Schnecken, Spinnen, Wanzen, K√§fer, Steinhummeln, Erdkr√∂ten oder Blindschleichen. Und w√§hrend sich die Mauereidechsen besonders gerne auf den w√§rmenden Steinen aufhalten, nisten Wildbienenarten wie die M√∂rtelbienen in den Mauerritzen (1).¬†

 

 

Eine Mauereidechse © Martin Aschwanden / stadtwildtiere.ch 

 
Trockenmauern selber bauen

Der Bau von Trockenmauern erfordert ein gewisses Mass an Erfahrung und Engagement. Man kann sich eine Trockenmauer von Fachleuten bauen lassen oder man l√§sst sich auf das Abenteuer ein und probiert, selber eine zu erschaffen. Man kann auch an einer Bauaktion mitmachen (siehe unten, ¬ęKurse¬Ľ). Mit dem Bau einer neuen Mauer beginnt man am besten w√§hrend der Winterruhe zwischen November und M√§rz. Als Material eignen sich regionale Natursteine. Diese geben der Mauer zum einen ein nat√ľrliches Aussehen und zum anderen profitiert die einheimische Flora und Fauna. Ist sie dann gebaut, sollte die Mauer j√§hrlich auf Schadstellen kontrolliert werden. Es sollten aber nur die absolut n√∂tigen Pflege- und Reparaturarbeiten durchgef√ľhrt werden. Diese erfolgen w√§hrend des Sommers, im Winter w√ľrde man die √ľberwinternden Tiere zu sehr st√∂ren. Die Mauer kann durchaus auch locker √ľberwachsen sein, stark √ľberwachsene Mauern sollte man jedoch teilweise und m√∂glichst schonend entbuschen (1).¬†

 

Gelber Lerchensporn © David Stang / Wikimedia Commons 

 
Weiterf√ľhrende Info¬†
Hier einige n√ľtzliche Dokumente
B√ľcher
  • Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz (2002): Trockenmauern. Anleitung f√ľr den Bau und die Reparatur. Verlag Paul Haupt, Bern, Stuttgart, Wien (Email an: info@umwelteinsatz.ch, Preis: 36.-)¬†
  • Trockenmauern ‚Äď Grundlagen, Bauanleitung, Bedeutung, hier¬†erh√§ltlich, Preis: 110.-¬†
Kursen

Schweizerischer Verband der Trockensteinmauer SVSTM 
Trockenmauerkurs
Trockenmauer-team
Umwelteinsatz

QUELLEN

(1):¬†Birdlife, Praxismerkblatt √ľber Trockenmauern¬†

 

 

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