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Spinnen - die heimlichen Helden daheim

08.10.2020, Madeleine Geiger

Zugegeben, Spinnen gehören nicht gerade zu den beliebtesten Untermieterinnen. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Spinnen sind faszinierende und hocheffiziente Jägerinnen, die jedes Jahr mehrere hundert Millionen Tonnen Insekten fressen und deshalb wichtige Glieder in den verschiedensten Nahrungsnetzen weltweit darstellen. Nicht zuletzt leisten sie damit auch bei uns zu Hause wertvolle Dienste.
Helfende Mitbewohnerinnen halten uns den R√ľcken frei

Eines Tages beim Kochen fiel mir pl√∂tzlich ein kleines, kr√ľmeliges H√§ufchen am Boden gleich unterhalb einer Schrankt√ľr ins Auge. Verwundert nahm ich es genauer unter die Lupe und stellte fest, dass es sich um etwa 30 Ameisen handelte ‚Äď alle tot und vertrocknet. Woher kamen denn die? Erst dann sah ich, dass etwas abseits neben dem H√§ufchen ein anderes Tier mit d√ľnnen, langen Beinen und einem zierlichen K√∂rper kauerte: eine Zitterspinne. V√∂llig unbemerkt hatte mich diese Spinne in den letzten Tagen also vor dutzenden potenziellen St√∂renfrieden bewahrt. Obwohl ich Ameisen mag, bin ich doch froh, wenn diese nicht in unsere Wohnung einmarschieren. Spinnen hingegen sind mir eher willkommen.

 

 

Ausgewachsene Große Zitterspinne (Pholcus phalangioides) mit Nachwuchs.

© MetalMachine / commons.wikimedia

Spinnen vertilgen Millionen Tonnen Insekten pro Jahr

Weltweit gibt es √ľber 40‚Äė000 Spinnenarten, wovon knapp 1000 auch in der Schweiz und wiederum weit mehr als 100 davon in st√§dtischen Gebieten vorkommen [1]. Alle Spinnen der Welt bringen Berechnungen zufolge zusammen 25 Millionen Tonnen auf die Waage und alle diese Spinnen fangen jedes Jahr rund 400 ‚Äď 800 Tonnen Insekten [2]. Zum Vergleich: Die rund 600 Millionen Tonnen Insekten, die die Spinnen verspeisen, entsprechen ungef√§hr dem Gewicht von rund 3 Millionen Blauwalen, 60‚Äė000 Eifelt√ľrmen oder 100 Cheops-Pyramiden.

 

 

Die ver√§nderliche Krabbenspinne (Misumena vatia), die auch in bl√ľtenreichen Wiesen und Ruderalfl√§chen im Siedlungsraum vorkommt, lauert ihrer Beute bei Bl√ľten auf. ¬© Benjamin Jost

Spinnen als bedeutende Glieder im Nahrungsnetz

Angesichts dieser grossen Zahlen mag der Gedanke aufkommen, dass die Spinnen am aktuellen Insektensterben massgeblich beteiligt sind. Hier ist jedoch zu bedenken, dass sich Spinnen und Insekten seit Millionen von Jahren gemeinsam entwickelt haben und sich zwischen den R√§ubern und ihren Beutetieren ein komplexes Wechselspiel eingestellt hat, das die Insekten als Gruppe nicht gef√§hrdet. Im Gegenteil, diese Zahlen und die weite Verbreitung der Spinnen machen deutlich, welch bedeutende Rolle Spinnen neben insektenfressenden V√∂geln und Flederm√§usen in verschiedensten Nahrungsnetzen einnehmen. Wir k√∂nnen sie also nicht genug sch√§tzen. Ein englisches Sprichwort besagt denn auch: ‚ÄúIf you wish to live and thrive, let the spider run alive.‚ÄĚ (‚ÄěWenn Sie leben und gedeihen wollen, lassen Sie die Spinnen leben.‚Äú)

Ein etwas zwiespältiges Verhältnis

Ich liess Spinnen schon vor meiner Begegnung mit dem ‚ÄěAmeisenh√§ufchen‚Äú in meiner Wohnung stets gew√§hren. Die Zitterspinne best√§rkte mich nun zus√§tzlich in dieser Haltung. Das war jedoch nicht immer so. Als Kind hatte ich panische Angst vor diesen Krabblern, die viel zu unberechenbar und schnell waren. Ausserdem kostet es mich auch heute noch zuweilen etwas √úberwindung, die dutzenden von Spinnennymphen einfach zu ignorieren, die alle auf einen Schlag ihr Nest verlassen und √ľber die Zimmerdecke krabbeln, um ihren neuen Lebensraum zu erkunden.

Wunder auf acht Beinen

Aber Spinnen sind dermassen faszinierend, dass ich die Angst irgendwann √ľberwunden habe. Je mehr ich mich mit ihnen besch√§ftigte, desto gr√∂sser wurde die Bewunderung und umso kleiner die Angst. Es gibt hunderte interessante Fakten zu den Achtbeinern. Ein paar seien hier erw√§hnt:

 

Wussten Sie zum Beispiel, dass netzbauende Spinnen keine guten Augen haben, diejenigen aber, die keine Netze bauen und stattdessen ihre Beute direkt anspringen wie die Springspinnen, jedoch sehr gut sehen k√∂nnen? Die Springspinnen, speziell die M√§nnchen, sind deshalb oft farbiger und f√ľhren zur Paarung komplexe Balzt√§nze auf [3].

 

Oder wussten Sie, dass manche Spinnenf√§den rund f√ľnfmal belastbarer sind als Stahlseile mit demselben Durchmesser [4]? Oder dass Spinnen ihre Seide nicht nur f√ľr das Bauen von Netzen, sondern auch als Transportmittel nutzen? Kleine Spinnen schiessen manchmal bei g√ľnstiger Witterung einen Seidenfaden in die Luft und lassen sich so vom Wind davontragen. Die fliegenden Spinnen k√∂nnen sehr weit getragen werden und wurden schon in 10‚Äė000 Metern H√∂he gesichtet [3].

 

√úbrigens: Gerade jetzt im Herbst ist eine gute Jahreszeit, um Spinnennetze zu entdecken. Bei feuchtem Wetter kann man sie, von tausenden Tautropfen bedeckt, in der Morgensonne glitzern sehen.

 

 

 

Bei geeigneten Bedingungen bilden sich am Morgen Tautropfen auf den Spinnennetzen. Dann kann man sie besonders gut sehen.

© Madeleine Geiger / stadtwildtiere.ch

Verwendete Literatur

[1] Stefan Ineichen, Bernhard Klausnitzer & Max Ruckstuhl. 2012. Stadtfauna ‚Äď 600 Tierarten unserer St√§dte. Bern: Haupt.
[2] Martin Nyffeler & Klaus Birkhofer. 2017. An estimated 400‚Äď800 million tons of prey are annually killed by the global spider community. The Science of Nature, 104:3-4¬†
[3] Pro Natura Basel. 2018. Spinnen: Klein aber fein und hervorragende Technikerinnen, 3/18
[4] Stephen Dalton. 2009. Spinnen: die erfolgreichen Jäger. Bern: Haupt

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