Erstaunlich

Ein Spaziergang in die Vergangenheit

08.01.2021, Jost Benjamin

Jede Stadt hat ihre Geschichte. Meist umspannt sie Jahrzehnte, Jahrhunderte. SchlĂ€gt man indessen das Buch der geologischen Geschichte einer Stadt und ihrer Umgebung auf, dann werden daraus Jahrtausende. Noch heute prĂ€gt sie das Stadtbild. Begleiten Sie mich auf einem Entdeckungsspaziergang durch das ZĂŒrich der letzten Gletscherzeit.
Stadt mit Gletscherblick

Der Winter ist nicht nur fĂŒr Flora und Fauna eine eher karge Jahreszeit, sondern auch fĂŒr einen Geologen wie mich, der gerne in den Bergen herumkraxelt und Gesteine untersucht. Doch zurzeit liegen diese unter einer dicken Schneeschicht verborgen. Aber glĂŒcklicherweise gibt es nicht nur in den Bergen, sondern auch in der Stadt viel Interessantes ĂŒber die geologische Vergangenheit zu entdecken.
Ich stehe am ZĂŒrcher BĂŒrkliplatz, wo der winterliche Spaziergang in die Vergangenheit beginnen soll. Vor mir glitzert der ZĂŒrichsee in der Sonne. Er liegt in einer Senke, die wĂ€hrend der letzten Eiszeit vom Linthgletscher geformt wurde. Gletscher sind schwer und stets in Bewegung. Sie wirken wie eine Art riesige Hobel, die mit geologisch-gemĂŒtlichem Tempo TĂ€ler in die darunter liegenden Felsen raspeln. Vor ca. 20‘000 Jahren lag der BĂŒrkliplatz also nicht am Ufer eines Sees, sondern am Ende eines grossen Eisstroms. Am Ende der letzten Eiszeit zogen sich die Gletscher zurĂŒck und die TĂ€ler fĂŒllten sich mit Wasser und Sediment.

 

Der ZĂŒrcher BĂŒrkliplatz vor 20‘000 Jahren, dargestellt vom Naturforscher Oswald Heer (1865). Aus Oswald Heers Die Urwelt der Schweiz.

Findling entdecken beim GrossmĂŒnster

Den BĂŒrkliplatz hinter mir lassend, folge ich der Limmat flussĂ€bwĂ€rts. Ich stelle mir ZĂŒrich ohne die GebĂ€ude, BrĂŒcken und Strassen vor: Vor mir liegt ein breites Tal. Es wird auf der einen Seite von den Felsen des Üetlibergs, auf der anderen von jenen des Hönggerbergs, des KĂ€ferbergs und des ZĂŒricherbergs flankiert. Aus ihnen hat der Linthgletscher das heutige Limmattal gehobelt.
Ich ĂŒberquere die Limmat ĂŒber die MĂŒnsterbrĂŒcke und entdecke einen grossen, abgerundeten Felsblock in der östlichen Ecke des GrossmĂŒnsters. Er besteht aus einem auffĂ€llig roten Gestein. Die Art des Gesteins verrĂ€t, dass der massive Block aus den Alpen sĂŒdlich des Walensees stammt und vom Linthgletscher hierher transportiert wurde. Solche von Gletschern verfrachtete Gesteinsblöcke heissen Findlinge und zeigen uns an, wo die Gletscher einst ĂŒberall waren. Und tatsĂ€chlich reichte der Linthgletscher beim Maximum der letzten Eiszeit bis nach Killwangen. In ZĂŒrich wende ich mich dem Lindenhof zu, der etwas abwĂ€rts auf der linken Seite der Limmat liegt.

 

 

Stiller Zeuge kĂ€lterer Klimata: der „Findling vom Geissturm“ am GrossmĂŒnster.
© Benjamin Jost

Modellierte HĂŒgelzĂŒge

Der Lindenhof besteht aus einer AnhĂ€ufung von losem Geröll, das liegengeblieben ist, als sich der Linthgletscher in Richtung Walensee zurĂŒckzog. Denn auf dieser langen Reise legte er einige „Pausen“ ein, auch in ZĂŒrich. WĂ€hrend dieser Pausen hatte der Gletscher viel Zeit, Geröll anzuhĂ€ufen. Dieses Gesteinsmaterial bildet einen sogenannten MorĂ€nenwall, der heute das Seebecken als sanften, bisweilen unterbrochenen HĂŒgelzug umgibt und von der Hohen Promenade, ĂŒber den Lindenhof, den Alten Botanischen Garten bis hin zum Gymnasium Freudenberg und dem Museum Rietberg verlĂ€uft. Eine weitere Pause legte der Linthgletscher beim heutigen Rapperswil ein. Dabei hĂ€ufte er einen weiteren MorĂ€nenwall an, der bei Hurden aus den Wassern ragt und die Strassen- und Bahnverbindung ĂŒber den ZĂŒrichsee ermöglicht.

 

 

Ausblick vom Lindenhof auf die „graue“ Stadt ZĂŒrich. Der MorĂ€nenwall setzt sich jenseits der Limmat fort bis zur hohen Promenade (HĂŒgel links der Bildmitte)
© Benjamin Jost

 

Jeder Stadt ihre Farbe

Nicht nur die Topographie und die Beschaffenheit des Untergrunds erzĂ€hlen von der Geschichte der Stadt, sondern auch die Steine, aus denen sie gebaut wurde. Nach einer abermaligen Überquerung der Limmat zurĂŒck im Niederdorf stosse ich auf den letzten Rest der alten Stadtmauer. Die Bausteine stammen aus der Umgebung und spiegeln die Geologie fluss- bzw. gletscheraufwĂ€rts. Ebenso vertreten ist der „rote Ackerstein“, den ich beim GrossmĂŒnster schon als Findling angetroffen habe.

 

 

Die Steinblöcke des letzten StĂŒcks Stadtmauer erzĂ€hlen heute noch ĂŒber die lokale Geologie. © Benjamin Jost

Viele Ă€ltere Bauwerke ZĂŒrichs bestehen aus grĂ€ulichen Sandsteinen der Umgebung. ZĂŒrich ist also eine graue Stadt. Das bestĂ€tigt ein Blick von der BahnhofbrĂŒcke auf meinem Weg zum Hauptbahnhof. Andere StĂ€dte wurden aus anderen Gesteinen erbaut. Daher ist Bern grĂŒn, Solothurn weiss, NeuchĂątel gelb und Basel rot. Diese Farben werden aber zusehends von Bauwerken jĂŒngeren Datums verwĂ€ssert.

 

 

Die Gesteine geben den StĂ€dten ihre Farbe: o.l.: die GrĂŒne: Heiliggeistkirche in Bern (Spartanbu/wiki commons); o.r.: die Rote: MĂŒnster in Basel (Wladyslaw Sojka/wiki commons); u.l.: die Weisse: Schaalgasse Solothurn (Paebi/wiki commons); u.r.: die Gelbe: Stadtzentrum von NeuchĂątel (Alltheswissthings/wiki commons).

Die Globalisierung öffnet die Stadt fĂŒr Gesteine aus aller Welt. Dies wird mir besonders im ShopVille des Hauptbahnhofs bewusst: das Zebramuster an den WĂ€nden besteht aus schwarzem Kalkstein aus Spanien und weissem Marmor aus Italien; die Steifen am Boden aus schwarzem Gabbro aus SĂŒdafrika und weissem Granit aus Sardinien. Nebst nicht-endemischen Pflanzen und Tieren beherbergen die Schweizer StĂ€dte also auch Gesteine aus aller Welt.

Gesteine aus aller Welt treffen sich am Hauptbahnhof. Hier schwarzer Kalkstein aus Spanien und weisser Marmor aus Italien. © Benjamin Jost

 

Die Route des geologischen Spaziergangs, der im Text beschrieben ist. © Stadt ZĂŒrich

 

WeiterfĂŒhrende Informationen

Geologische StadtfĂŒhrungen gibt es bei focusTerra

Heer, Oswald: Die Urwelt der Schweiz. ZĂŒrich : Schulthess, 1865. ETH-Bibliothek ZĂŒrich, Rar 835

 

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